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Sonntag, 14. November 2021

Felix Lobrecht und Oljanna Haus - Sonne und Beton


 

Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Neulich im Radio habe ich eine Sendung über Graphic Novels gehört und beschlossen, dass ich unbedingt mal eine lesen möchte. Kurze Zeit später stolperte ich dann über diese Neuerscheinung und setzte meinen Vorsatz in die Tat um. Das war für mich ein ganz neues und spannendes Leseerlebnis, mich nicht nur auf die geschriebenen Worte zu konzentrieren, sondern auch die Bilder zu studieren und sich Zeit für sie zu nehmen. 
 
Berlin Neukölln im Sommer 2003. Rau und authentisch erzählt Felix Lobrecht von Lukas und seinen Freunden, die im sozialen Brennpunkt Gropiusstadt aufwachsen. Die Dialoge sind geprägt von Jugendslang und in ihrer Rohheit dennoch berührend. Lukas ist der einzige Deutsche in seiner Klasse, er lebt bei seinem alleinerziehenden Vater und obschon er oft sehr kluge Gedanken hat und sich selbst reflektiert, mischt er mit seinen Freunden das Viertel auf. Seine Zerrissenheit, die durch seine Gedanken deutlich wird, ist dabei spürbar und man bekommt eine Idee davon, wie sich sein Leben anfühlt und wie aussichtslos es manchmal scheinen muss.
 
Die Zeichnungen von Oljanna Haus habe ich als sehr passend empfunden, sie zeigen die triste Umgebung, in der die Jungs leben. Es gelingt der Künstlerin außerdem, die für Jugendliche so essenzielle Frage nach Zugehörigkeit und Identität, in der Gestik und Mimik der Figuren auszudrücken. Das hat mich wirklich beeindruckt.

Eine sehr gelungene Graphic Novel, ich bin froh, dass ich mich auf dieses neue Leseerlebnis eingelassen habe und freue mich auf weitere Graphic Novels.


Inhalt:

"Ein glühend heißer Sommer. Vier Jungs in Neukölln. Eine folgenschwere Entscheidung. Die Graphic Novel zum Bestseller „Sonne und Beton“ von Comedy-Superstar Felix Lobrecht

Die junge talentierte Zeichnerin Oljanna Haus hat sich von Felix Lobrechts von der Kritik gefeiertem Debütroman zu einer rasanten Graphic Novel inspirieren lassen. In schnellen Schnitten inszeniert sie die authentischen Dialoge und lässt die unerbittliche Welt der Hochhausschluchten erstehen."

 

 

Über das Buch:

Erscheinungsdatum: 25.10.2021
280 Seiten
Verlag: Hanserblau
Paperback
ISBN 978-3-446-26961-3
Deutschland: 16,00 €

 

Sonntag, 15. November 2020

Margaret Goldsmith - Patience geht vorüber

 

Warum es sich zu lesen lohnt:

Patience ist eine junge Frau im Berlin der 20er Jahre, die das Gefühl hat, nirgendwo richtig dazuzugehören. Sie sitzt immer zwischen den Stühlen: Bei der Herkunft (Mutter Britin und Vater Deutscher), der Sexuellen Orientierung (Männern und Frauen), ihrem Beruf (Journalistin und Medizinerin) und auch bei ihrem Wohnort (Berlin und London). So richtig festlegen kann und mag Patience sich nicht, sie ist immer auf der Suche und kommt nie so wirklich an.

In diesem Buch dürfen wir Patience dabei begleiten, einen Lebensentwurf zu finden, der zu ihr passt. Sie schmiedet Pläne, verwirft sie wieder, probiert sich aus und reflektiert ihre getroffenen Entscheidungen. Was mich sehr überrascht hat, ist, dass ihre Gedanken und Versuche der Lebensgestaltung sich wenig von denen heutiger Großstadtfrauen unterscheiden.

Patience ist eine moderne Frau, für die damalige Zeit. Eine Frau, die wenig Lust hat, sich in einer Ehe unterzuordnen und für die von Anfang an fest steht, dass sie einen Beruf erlernen und unabhängig sein will. Zunächst arbeitet sie als Journalistin, später studiert sie Medizin und geht in die Krebsforschung. Ich mag unkonventionelle Lebensentwürfe, wie den von Patience. Sie findet sogar durch Zufall eine unkonventionelle Lösung für ihre plötzlich aufflammende Sehnsucht nach Mutterschaft.

Das Buch wurde bereits 1931 veröffentlicht, die Autorin ist selbst eine faszinierende Persönlichkeit und mir hat sehr gut gefallen, dass ihr und ihrem Leben am Ende des Buches noch einige Seiten gewidmet sind. Auch das Buchcover stammt aus der damaligen Zeit, die Zeichnungen sind von Goldsmith Freundin Martel Schwichtenberg. 

Ein lesenswertes, kurzes Buch, welches einen aktuellen Bezug zur Gegenwart hat, obschon es vor 90 Jahren geschrieben wurde. 


Inhalt:

"Während an der Front gekämpft wird, feiern die beiden Schulfreundinnen Patience und Grete im April 1918 in einer kleinen Konditorei in Berlin ihr bestandenes Abitur. Beide sind froh, dass ihnen bei der Prüfung kein Bekenntnis zur Nation abverlangt wurde, stimmen sie doch schon lange nicht mehr in den patriotischen Überschwang ihrer Umgebung mit ein: Grete ist Sozialistin und Patience, die eine englische Mutter hat, wurde von den Mitschülerinnen ständig daran erinnert, dass sie »nicht dazugehört«.

Margaret Goldsmith schildert in ihrem erstmals 1931 veröffentlichten Roman »Patience geht vorüber« die Lebensentwürfe und Enttäuschungen der sympathischen Heldin Patience – von deren leidenschaftlicher Liebe zu Grete bis zum »neusachlichen« Umgang mit Beziehungen Ende der 1920er-Jahre, der Arbeit als Journalistin zwischen Deutschland und England bis zur Karriere als Medizinerin, die Patience bis in die USA führt. Zwischen den Klassen, den Nationen, aber auch den Geschlechtern stehend, lotet die junge Berlinerin die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachkriegskulturen, der Sexualmoral und der Rollenbilder in Deutschland und England aus. Aus der Sicht einer selbstbewussten jungen Frau entsteht dabei ein dichtes Zeitbild vom Ende des Ersten Weltkriegs und der Novemberrevolution über die Inflation 1923 bis ins Jahr 1930; charmant, humorvoll und unprätentiös erzählt – und immer wieder überraschend aktuell."

Quelle: https://www.aviva-verlag.de/programm/patience-geht-vor%C3%BCber/

 

Über das Buch:


Herausgegeben und mit einem Nachwort von Eckhard Gruber
gebunden, mit Leseband
224 Seiten
19,00 €
ISBN: 978-3-932338-94-6
Verlag: AvivA Verlag


Freitag, 27. März 2020

Christiane Neudecker - Der Gott der Stadt


 

Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Berlin nach der Wende, fünf jungen Student*innen beginnen ihre Ausbildung an einer renommierten Schule als Regisseur*innen. Sie sind auserwählt, aus einer Vielzahl von Bewerber*innen und haben vom ersten Tag an das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, zusätzlich stehen sie aber auch unter dem Druck, den Erwartungen gerecht zu werden. Sie werden von dem Regieguru Korbinian Brandner unterrichtet. Dieser stellt sie vor eine große Herausforderung, die jede*r von ihnen an die eigenen Grenzen bringt. Jede*r erhält einen Satz aus dem Faustfragment von Georg Heym und daraus sollen sie gemeinsam eine Inszenierung auf die Beine stellen. Jede*r  versucht diesen Satz mit Haut und Haar zu ergründen, Genie und Wahnsinn liegen hier nah beieinander.

Katharina (Hauptfigur und Icherzählerin) ist von Nürnberg in das wiedervereinigte Berlin gezogen und beschreibt die dortige Stimmung nach der Wende sehr eindrucksvoll. Nele ist eine hübsche Schauspielerin, die von einem berühmten Kollegen samt Kind sitzengelassen wurde und nun versucht in der Regie Fuss zu fassen. Francois kommt aus Frankreich, hat Heimweh, ist einsam und lenkt sich mit Essen ab. Er holt sich Unterstützung von Satanisten, um sich seinen Satz des Faustfragments zu erschließen. Und dann ist da noch Schwarz, er konsumiert Drogen aller Art und versucht auf diesem Wege mit seinem Leben fertig zu werden. Tadeusz ist der Neffe von dem berühmten Professor Brandner, der die Fünf unterrichtet. Ihn und Brandner verbindet eine geheimnisvolle Familiengeschichte.

Man kann schon an den fünf Figuren erahnen, wie vielschichtig dieser Roman ist. Auf den fast 700 Seiten wurde es nie langweilig und oft richtig spannend.

Über Georg Heym und sein Fausfragment habe ich vor diesem Buch nichts gewusst, das hat das Buch aber nicht weniger spannend gemacht. Inzwischen habe ich ein wenig recherchiert und nachgelesen und bin seitdem noch beeindruckter davon, wie Christiane Neudecker hier Fiktion und Wirklichkeit verwoben hat.

 

Inhalt:

 

"Am Anfang steht der Tod. Jemand versinkt zwischen geborstenen Eisschollen und eine Leiche baumelt von der Decke eines Theaters. Die Todesfälle liegen Jahrzehnte auseinander, doch es ist der gleiche Todestag: der 16. Januar. Im Winter 1912 ertrank Georg Heym beim Schlittschuhlaufen, 1995 werden die Novizen einer elitären Schauspielschule im gerade wiedervereinten Berlin auf sein verrätseltes Faust-Fragment angesetzt. Angestachelt von ihrem Professor verstricken sie sich immer tiefer in den Gedankenlabyrinthen des genialischen Dichters. Der psychologische Druck steigt, Konkurrenz entflammt, Wahn und Wirklichkeit beginnen zu verschwimmen. Dann wird ein Toter auf der Probebühne der Schule gefunden. War es Mord, Selbstmord - oder doch ein Teufelspakt?"

Quelle: https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Gott-der-Stadt/Christiane-Neudecker/Luchterhand-Literaturverlag/e526117.rhd

 

Über das Buch:

 

Roman
Erscheinungstermin: 19. August 2019
672 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87566-8
Verlag: Luchterhand 
24,00 €

 

 

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Tom Saller - Ein neues Blau


Warum es sich zu lesen lohnt:

 

In diesem Roman stehen zwei Frauen im Mittelpunkt: Die 18jährige Anja, im Berlin der 80er Jahre und Lili, eine alte Dame, die zurückgezogen in ihrem Haus mit Garten lebt.  Das Buch hat mich durch Lilis Lebensgeschichte inspiriert, die sich zwischen Judentum, Christentum, japanischer Kultur, Nationalsozialismus, Porzellanmalerei und Bauhaus entfaltet. Zwischen den Begegnungen von Anja und Lili in der Gegenwart, gibt es immer wieder Rückblicke in Lilis interessante Vergangenheit.

Lilis Lebensgeschichte ist der Weg einer mutigen Frau, auf der Suche nach ihrer Identität. Viele verschiedene Kulturen haben sie in ihrer Kindheit geprägt. Das hat sie einerseits zu einer offenen und interessierten Frau werden lassen, andererseits hat es in ihr oft das Gefühl erzeugt, nirgendwo richtig dazuzugehören. Unbeirrbar geht sie ihren Weg und muss dabei einige Schicksalsschläge verkraften.
"Sie leidet. Die Leiden einer jungen Frau, die in ihrem Inneren den Verlust von jemanden fühlt, den sie offenbar nie besessen hat. Das Fehlen eines Geliebten, der scheinbar vor allem in ihrer Vorstellung existiert hat. Ein seltsamer Gedanke: die Abwesenheit des Nichts. Das größte anzunehmende Minimum."
Der Autor greift in seinem Roman so viele Themen auf, dass das Buch auf keiner Seite langatmig wird. Im Gegenteil, hin und wieder hat es mich dazu verleitet, ein wenig nebenher zu recherchieren, z.B. über das Bauhaus, Marguerite Friedlaender und ihre Arbeit am Flughafengeschirr "Hermes". Ich liebe es, wenn Bücher in mir den Wunsch wecken, mehr wissen zu wollen. Der unterhaltsame, manchmal poetische Schreibstil, lies mich zudem sofort in die Geschichte eintauchen.


Inhalt:

"Eine junge Frau geht ihren Weg als Porzellanmalerin der KPM

Als Lilis Mutter früh stirbt, kümmert sich ihr Vater Jakob rührend um sie. Aber erst als sie Günther von Pechmann kennenlernt, den Direktor der Königlichen Porzellan-Manufaktur, findet sie ihre Bestimmung: die Welt des Porzellans. Doch die Nationalsozialisten kommen an die Macht und Lili muss aus Berlin fliehen.

Fünfzig Jahre später lebt Lili wieder in Charlottenburg, zurückgezogen in ihrem Haus mit dem japanischen Garten. Sie spricht nicht viel über sich und ihr bewegtes Leben. Erst die 18-jährige Anja, widerspenstig und quer, kann Lili dazu bewegen, sich ihr zu öffnen. Stück für Stück enthüllt sich Lilis Geschichte, doch auch Anja hat ein Geheimnis. Welche Rolle spielt dabei die schlichte Porzellanschale, die die alte Frau wie einen Schatz hütet?"

Quelle:  https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/ein-neues-blau-9783471360040.html

 

Über das Buch: 

 

Verlag: List
Hardcover mit Schutzumschlag
416 Seiten
ISBN-13 9783471360040
Erschienen: 30.08.2019
20,00 €