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Montag, 7. April 2025

Katharina Hagena - Flusslinien

 

Warum es sich zu lesen lohnt:

Der Schauplatz dieses Romans ist eine Seniorenresidenz an der Elbe, in der wir abwechselnd die Perspektiven von Margit, der 102-jährigen Bewohnerin, ihrer Enkelin Luzie und Arthur, dem Fahrer der Residenz, einnehmen dürfen.

Margit war früher Atemtherapeutin, was ihr die besondere Fähigkeit verleiht, am Atmen und Sprechen der Menschen ihre innere Befindlichkeit zu erkennen. Auch wenn sie manches vergisst, nimmt sie vieles wahr, was anderen verborgen bleibt – zum Beispiel die tiefe Wut ihrer Enkelin Luzie. Margit möchte sich von Luzie tätowieren lassen. Weil Luzie üben muss, denn sie möchte Tattookünstlerin werden und weil für Margit die Aussage "das bleibt ein Leben lang" relativ ist. Wie lang dauert ihr Leben wohl noch? Margits Betrachtungen über das Leben und das Alter waren für mich sehr lesenswert:

"Alt sein ist oft wie Kind sein, bloß ohne dabei noch irgendwen zu entzücken".

Luzie wohnt aktuell im DLRG Häuschen am Elbstrand und hat die Schule geschmissen. Sie musste eine traumatische Erfahrung machen und hat leider von ihrem Umfeld wenig Unterstützung bei der Verarbeitung erfahren. Die Szenen, in denen Luzie ihre Oma tätowiert, haben mir besonders gut gefallen. Während die Nadel surrt, herrscht oft eine stille Vertrautheit zwischen den beiden. Manchmal erzählt Margit von ihrem Leben, während Luzie das Gehörte in das Tattoo einfließen lässt. Für Luzie haben Tattoos eine tiefere Bedeutung:

"Tattoos und Piercings geben dir die Kraft, einem Blick, der Macht über dich ausüben will, etwas entgegenzusetzen. Sie ziehen diesen Blick zwar auf sich, aber nicht, um zu gefallen, sondern um stark zu sein. Sie sind wie eine Rüstung. Und manchmal wie ein Kinnhaken."

Und dann ist da noch Arthur. Auch er hat einen Schicksalsschlag erleiden müssen und versucht mit seinem Gefühl der Schuld klarzukommen. Arthur erfindet eigentlich Sprachen und ist Profitaucher. Er mag Margit und auch ihre verschlossende Enkelin fasziniert ihn zunehmend. Luzie und Arthur vertrauen sich ganz langsam und vorsichtig einander an. 

Ein ganz zauberhaftes Buch hat Katharina Hagena da geschrieben. Von mir eine große Empfehlung. 

 

Inhalt:

"Margrit Raven ist hundertzwei und wartet auf den Tod. Früher war sie Stimmbildnerin, jetzt lebt sie in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Jeden Tag lässt sie sich von dem jungen Fahrer Arthur in den Römischen Garten bringen. Dort, mit Blick auf den Fluss, erinnert sie sich: an ihre Kindheit, den Krieg, ihre Liebhaber und an das, was sie über die einstige Gärtnerin dieses Parks weiß, Else, die große Liebe ihrer Mutter.

Die Erinnerungen halten Margrit am Leben – und die Besuche ihrer zornigen Enkelin. Luzie hat sich kurz vor dem Abitur von der Schule abgemeldet und übernachtet nun allein in einer Hütte an der Elbe. Während sie Margrit, deren Mitbewohner und sich selbst im Keller der Seniorenresidenz tätowiert, versucht sie, Stich für Stich, ihre Kraft und ihr Leben zurückzugewinnen.

Und dann ist da noch Arthur. Wenn er gerade niemanden zur Dialyse fährt, sucht er mit einer Metallsonde den Strand ab, erfindet Sprachen, kämpft für gefährdete Arten und ringt mit einer Schuld.

Um nicht vom Strom der eigenen Erinnerungen fortgerissen zu werden, müssen sich die drei auf sich selbst besinnen. Und aufeinander einlassen."

Quelle: https://www.kiwi-verlag.de

 

Über das Buch:


Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Erscheinungstermin: 13.03.2025e
ISBN: 978-3-462-00729-9
400 Seiten 
24,00 €


Sonntag, 8. Dezember 2024

Maja Lunde - Schneesschwester - Eine Weihnachtsgeschichte


 


 

Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Diese bezaubernde Weihnachtsgeschichte hat mich sofort in Weihnachtsstimmung versetzt.

"Aber was ist eigentlich Weihnachtsstimmung? Ist es nicht merkwürdig, wie gut man weiß, was es heißt, in Weihnachtsstimmung zu sein, es einem aber trotzdem so schwerfällt, das Gefühl zu beschreiben? Weihnachtsstimmung ist ein weiches und warmes Gefühl, das in den Zehen kribbelt und das Herz ein klein wenig schneller schlagen lässt, jedoch nicht so schnell, dass es unangenehm wird. Weihnachtsstimmung ist ein Gefühl, durch das du Lust bekommst, die Arme auszubreiten und jemanden neben dir zu umarmen. Weihnachtsstimmung bringt dich zum Singen, zum Lachen und dazu, einen Kloß im Hals zu haben. Alles zugleich. Wenn die Weihnachtsstimmung eine Farbe hätte, wäre sie ein warmes Gelb, obwohl Weihnachten rot ist. Denn die Weihnachtsstimmung flammt in meinem Inneren wie eine Fackel."

In 24 Kapiteln, die das Buch auch zu einem Adventskalender machen, begleiten wir den 10-jährigen Julian durch die Tage vor Weihnachten. Für ihn sind es Tage voller Geheimnisse und außergewöhnlicher Begegnungen, wie zum Beispiel mit Hedvig, die ihn in ihr wunderschön weihnachtlich geschmücktes Haus einlädt. Plötzlich steht sie vor ihm, und nach nur wenigen Tagen kann er sich nicht mehr vorstellen, wie es ohne sie war. Doch die Tage sind auch von Trauer überschattet. Julians Schwester ist gestorben, und im Haus steckt die Traurigkeit in jeder Ecke. Nichts ist mehr, wie es einmal war, und Julian fürchtet, dass Weihnachten in diesem Jahr ausfallen könnte.

Das Buch ist wundervoll von Lisa Asiato illustriert, und während ich diese bewegende und spannende Geschichte las, fühlte ich mich wie verzaubert. Ein wahres Weihnachtsmärchen für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Eine große Leseempfehlung von mir!

 

Inhalt:

"Bald ist Heiligabend. Für Julian ist das der schönste Tag des Jahres. Lebkuchen und Klementinen, das Knistern und Knacken im Kamin, das flackernde Licht der Kerzen. Außerdem wird Julian an Heiligabend zehn Jahre alt. Doch dieses Jahr ist alles anders. Juni, Julians große Schwester, ist tot. Ein tiefer Schatten liegt über der Familie. Und Julian hat eigentlich nur ein Gefühl: Weihnachten ist abgesagt.

Bis Julian eines Wintertages Hedvig begegnet. Hedvig hat grüne Augen, redet schneller als der Wind und liebt Weihnachten über alles. Ganz langsam glaubt Julian, dass es doch ein Weihnachten für ihn geben könnte. Doch Hedvig hat ein großes Geheimnis."

Quelle: https://www.penguin.de

 

Über das Buch:

 

Illustrationen: Lisa Aisato
Erscheinungsdatum: 29. Oktober 2018
208 Seiten, 21,5 x 24,3 cm
Verlag: btb Verlag
ISBN  9783442758272 
20,00 €





 

 

 

 

Mittwoch, 21. August 2024

Daniela Krien - Mein drittes Leben

 

Warum es sich zu lesen lohnt:

Der neue Roman von Daniela Krien, den ich voller Vorfreude erwartet habe, geht unter die Haut. Es ist die zarte und gleichzeitig schonungslose Geschichte einer Trauerbewältigung. 

Linda verliert ihre einzige Tochter bei einem Unfall und es überkommt sie eine derart lähmende Trauer, dass es ihr unmöglich scheint, weiter zu leben. Mit berührenden Worten beschreibt die Autorin wie sich Linda in sich selbst verkriecht und kaum mehr Kontakt zur Aussenwelt zulässt. Sie zieht in ein einsames Haus, geht ihren Freund*innen aus dem Weg und auch ihr Mann Richard kommt nicht mehr an sie heran. Er versucht es immer wieder, gibt nicht auf und muss zugleich auch den Verlust seiner Tochter verarbeiten. Die Dynamik zwischen Vater und Mutter und ihr unterschiedlicher Umgang mit Trauer sind sehr authentisch beschrieben. 

Trotz der lähmenden Traurigkeit lässt Linda nach und nach, in ihrem eigenen Tempo, ganz zart und leise, das Leben Stück für Stück wieder an sich heran. Da ist ein Garten, den sie hegt und pflegt, da sind neue Bekanntschaften im Dorf, die sich nicht abwimmeln lassen und da ist ein Hund, der sie immer wieder dazu bringt vor die Tür zu gehen, auch wenn es unüberwindbar scheint. Der Verlust wird immer bleiben und doch zeigen sich kleine Momente, in denen die Lebendigkeit wieder Raum und das Leben eine Chance bekommt. 

Der Roman ist sprachlich eine Wucht (wie alle Bücher von Daniela Krien), das Thema ist keine leichte Kost und wurde in meinen Augen sensibel aufgegriffen. Klare Leseempfehlung.


Inhalt:

"Sie hat alles gehabt und alles verloren: Sekunden der Unachtsamkeit kosten ihre einzige Tochter das Leben. Tief sieht Linda in den Abgrund und wäre beinahe gefallen, doch da sind hauchfeine Fäden, die sie halten – die Hündin Kaja, die steten Handgriffe im Garten, das Mitgefühl für andere. Wie viel Kraft in ihr steckt, ahnt sie erst, als sie zurückfindet in einen Alltag und zu sich selbst."

Quelle: https://www.diogenes.ch

 

Über das Buch:

Hardcover Leinen
304 Seiten
erschienen am 21. August 2024
Verlag: Diogenes
ISBN 978-3-257-07305-8
€ (D) 26.00


Samstag, 18. Mai 2024

Caroline Wahl - Windstärke 17

 

 

Warum es sich zu lesen lohnt:

Schon "22 Bahnen", der erste Roman von Caroline Wahl, war ein Lesehighlight für mich. Aus diesem Grund war ich voller Vorfreude auf "Windstärke 17". Diese wurde noch größer, als klar wurde, dass die Autorin eine Fortsetzung schreibt, die aus der Perspektive von Ida erzählt wird. Ida und Tilda sind bei einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen, in "22 Bahnen" erzählt die Autorin die Geschichte aus der Sicht von Tilda. Nun knüpft sie an diese Geschichte an und springt 10 Jahre weiter. 

Ida ist inzwischen erwachsen und kürzlich ist die Mutter gestorben. Ida gibt sich die Schuld an dem Tod und findet nachts kaum Schlaf, weil sie Schuldgefühle und Ängste verfolgen. Ihre Schwester, die mittlerweile eine eigene Familie hat und in Berlin lebt, möchte für Ida da sein und versucht an sie heranzukommen, aber Ida stösst sie weg und möchte keinen Kontakt zu ihrer Schwester haben. Eines Tages verlässt sie die Wohnung, in der sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hat, und macht sich auf den Weg, ohne Ziel. Sie landet auf Rügen und trifft dort auf das ältere Ehepaar Marianne und Knut, bei denen sie wohnen kann und viel Zuneigung erfahren darf. Das Meer tut Ida gut. Schwimmen war schon in der Zeit als Tilda noch Zuhause gewohnt hat wichtig für die beiden Schwestern. Tilda zog immer ihre 22 Bahnen in Freibad, Ida krault durch die eiskalte Ostsee und versucht gegen den Schmerz anzuschwimmen, der tief in ihr drin ist. Ida lernt die Insel kenne, das unberechenbare Meer, den Wind, der manchmal über die Insel fegt. Sie lernt auch Leif kennen und findet ganz langsam ins Leben zurück. Doch das Leben hält schon den nächsten Schicksalsschlag für Ida bereit.

Diese unverkennbare Sprache von Caroline Wahl und ihre Begabung in schwere Themen eine große Portion Zuversicht und Leichtigkeit hineinzubringen, haben mich auch dieses Mal wieder total begeistert. Sie findet Worte für den großen Schmerz mit einer alkoholkranken Mutter aufzuwachsen und den Verlust der Mutter, aber auch ganz viele Worte für Liebe und Verbundenheit. Die Liebe zwischen den Schwestern, die nicht immer einfach ist und die Liebe zwischen Leif und Ida, die sich ganz langsam entwickelt. Ganz besonders berührt hat mich die Verbindung des älteren Ehepaars und Ida und die Bereitschaft füreinander da zu sein, obschon man sich noch nicht lange kennt.

Für die, denen "22 Bahnen" gefallen hat, ist dieser Roman ein Muss. Ich beneide alle, die die Autorin noch nicht kennen, denn für euch gibt es gleich zwei großartige Bücher, in die ihr eintauchen und euch von dieser besonderen Stimmung verzaubern lassen könnt.

 

Inhalt:

"Ida hat nichts bei sich außer dem alten, verschrammten Hartschalenkoffer ihrer Mutter, ein paar Lieblingsklamotten und ihrem MacBook, als sie ihr Zuhause verlässt. Es ist wahrscheinlich ein Abschied für immer von der Kleinstadt, in der sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hat. Im Abschiednehmen ist Ida richtig schlecht; sie hat es vor zwei Monaten nicht einmal auf die Beerdigung ihrer Mutter geschafft. Am Bahnhof sucht sie sich den Zug aus, der am weitesten wegfährt – auf keinen Fall will sie zu ihrer Schwester Tilda nach Hamburg –, und landet auf Rügen. Ohne Plan, nur mit einem großen Klumpen aus Wut, Trauer und Schuld im Bauch, streift sie über die Ostseeinsel. Und trifft schließlich auf Knut, den örtlichen Kneipenbesitzer, und seine Frau Marianne, die Ida kurzerhand bei sich aufnehmen. Zu dritt frühstücken sie jeden Morgen Aufbackbrötchen, den Tag verbringt Ida dann mit Marianne, sie walken gemeinsam durch den Wald oder spielen Skip-Bo, abends arbeitet Ida mit Knut in der »Robbe«. Und sie lernt Leif kennen, der ähnlich versehrt ist wie sie. Auf einmal ist alles ein bisschen leichter, erträglicher in Idas Leben. Bis ihre Welt kurz darauf wieder aus den Angeln gehoben wird.
Nach ihrem gefeierten Debüt ›22 Bahnen‹ erzählt Caroline Wahl in ihrem unverwechselbaren Sound nun, wie Ida es mit dem Leben aufnimmt. Ein aufwühlender, intensiver und dabei ungemein tröstlicher Roman über Töchter, Schwestern und Mütter, über vermeintliche Schuld und das Verzeihen – sich selbst und den anderen."

Quelle: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/caroline-wahl-windstaerke-17-9783832168414-t-5898

 

Über das Buch:

 

Seiten: 256
Erscheinungstag: 15.05.2024
ISBN: 978-3-8321-6841-4
Ausstattung: Gebunden
Abmessungen: 134 mm x 208 mm
Verlag: Dumont Buchverlag 
24,00 €


Freitag, 6. Oktober 2023

Ayanna Lloyd Banno - Als wir noch Vögel waren

 


Warum es sich zu lesen lohnt:


Dies ist die Geschichte von Yejide und Darwin aus Trinidad. Die Geschichte der beiden wird kapitelweise im Wechsel erzählt. Beide beschäftigt das Thema Tod, jedoch aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.

Yejide stammt aus einer Familie, in der die Frauen zwischen der Welt der Lebenden und der Toten hin- und herwandeln können, sie können in Kontakt zu den Toten treten. Der Teil des Buches, der sich mit Yejide beschäftigt, ist manchmal etwas verwirrend zu lesen, die spirituelle Welt war für mich teilweise schwer nachzuvollziehen.

Darwin verlässt seine Mutter, die ihn sehr liebevoll erzogen hat und mit der er in großer Armut aufgewachsen ist. Obschon er sich als Rastafari eigentlich vom Tod fernhalten soll, nimmt der den einzigen Job an, den er in der Großstadt bekommen zu scheint und wird Totengräber. Dies ist für seine Mutter völlig unverständlich und sie bricht den Kontakt zu ihrem Sohn ab. Wenn es um Darwin ging, fiel es mir leichter, in die Geschichte einzutauchen. Darwin und Yejide scheinen füreinander bestimmt zu sein und als sie sich schließlich begegnen, entspinnt sich eine zarte und sehr schöne Liebesgeschichte.
 

Auf das Buch musste ich mich einlassen, der sehr besonderer Erzählstil hat mich aber immer wieder neugierig gemacht und so empfehle ich das Buch all jenen, die Lust auf eine aussergewöhnliche Lektüre in mystischer, blumiger und poetischer Sprache haben.


Inhalt:


"Port Angeles, Trinidad. In den sonnendurchglühten Gassen mischt sich das vielstimmige Geschrei der Händler mit Vogelgezwitscher und Verkehrslärm; es riecht nach Gewürzen und reifen Früchten. Unter stillen, schattigen Bäumen ruht Fidelis, der jahrhundertealte Friedhof der Insel. Hier arbeitet Emmanuel als Totengräber. Der junge Rastafari hat sein Zuhause verlassen, um seinen Vater zu finden. Als er Yejide trifft, hat das Schicksal ihre Wege längst fest miteinander verflochten. Und so beginnt dort, wo das Leben endet, eine magische Liebesgeschichte."

Quelle: https://www.diogenes.ch/leser/titel/ayanna-lloyd-banwo/als-wir-voegel-waren-9783257072242.html


Über das Buch:

 

Hardcover Leinen
352 Seiten
erschienen am 26. April 2023
Aus dem trinidad-kreolischen Englisch von Michaela Grabinger
ISBN 978-3-257-07224-2
€ (D) 24.00
Verlag: Diogenes Verlag



Sonntag, 8. Januar 2023

Ruth Ozeki - Die leise Last der Dinge

 

Warum es sich zu lesen lohnt:

Heute möchte ich ein ganz außergewöhnliches Buch vorstellen, sowohl im Bezug auf den Inhalt, als auch hinsichtlich der Erzählperspektive. 

Seit sein Vater gestorben ist, hört der Teenager Benny Stimmen. Allerhand Gegenstände sprechen zu ihm, so auch ein Buch:

"Bücher können Menschen nicht  zwingen, etwas zu tun. Wir können lediglich einen Rahmen vorgeben - etwas über die Hintergrundgeschichte verraten, ein mögliches  Ende andeuten, vielleicht sogar ein oder zwei Vorschläge machen -, aber in der Regel warten wir nur ab, für was ihr euch entscheidet. Wir warten, wir hoffen, und wenn wir Daumen hätten, würden wir sie drücken."´

Auch Bennys Mutter wirft der Tod ihres geliebten Mannes völlig aus der Bahn. Sie fängt an Dinge zu horten und zu sammeln und das Haus vermüllt zunehmend. Halt gibt ihr ein kleines Büchlein, in dem es um Zen und Aufräumen geht. Wie durch Zauberhand taucht dieses kleine Buch immer dann auf, wenn Annabelle besonders verzweifelt ist. Wir als Leser*innen dürfen auch Passagen aus diesem Buch lesen und miterleben, wie das Gelesene sich auf Bennys Mutter auswirkt. In manchen Kapiteln kommt auch Benny selbst zu Wort und kommentiert seine eigene Geschichte. Aber keine Sorge, das klingt jetzt zwar ein wenig verwirrend, aber mir hat das Buch in erster Linie wegen des Erzählstils sehr gefallen, dadurch war es für mich kurzweilig und außergewöhnlich.

Die Autorin verpackt in dieser Geschichte  Themen wie Trauer, Psychische Erkrankungen, Hochsensibilität und Buddhismus. Die Liebe zu Büchern spielt ebenfalls eine große Rolle und zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Bücher können eine Stütze sein und Bibliotheken ein Rückzugsort. 

Keine Frage, auf das Buch muss man sich einlassen, weil es Ecken und Kanten hat und man es nicht einfach so weglesen kann. Ich finde, es lohnt sich.


Inhalt:

"Ein Jahr nach dem Unfalltod seines Vaters beginnt der dreizehn Jahre alte Benny Oh Stimmen zu hören. Es sind die Stimmen der unbelebten Gegenstände in seinem Zuhause – seine Sneakers, eine zerbrochene Weihnachtskugel, ein Blatt welker Salat. Gleichzeitig beginnt seine Mutter Annabelle, immer mehr Dinge zu horten, bis es kaum mehr einen freien Platz auf dem Fußboden gibt. Mutter und Sohn drohen in ihrem seelischen Chaos den Halt zu verlieren – bis sie auf ein Buch stoßen, das sie womöglich zu retten imstande ist …

Mit liebenswerten Figuren, einer fesselnden Geschichte und der Auseinandersetzung mit den Themen Trauer, Erwachsenwerden und unser Verhältnis zu materiellen Dingen legt die vielfach preisgekrönte Ruth Ozeki einen klugen, verspielten, mitreißenden, herzerwärmenden und absolut einzigartigen neuen Roman vor."

Quelle: https://eisele-verlag.de/books/die-leise-last-der-dinge/

 

Über das Buch:

Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea von Struve und Petra Post
Originaltitel: The Book of Form and Emptiness, Canongate 2021
688 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
€ 26,00
ISBN: 978-3-96161-143-0
Verlag: Eisele Verlag
Erschienen am 1. September 2022

Samstag, 20. August 2022

Tamar Noort - Die Ewigkeit ist ein guter Ort


Warum es sich zu lesen/zu hören lohnt:

Elke ist eine evangelische Pastorin, die unter einem für sie völlig neuen Symptom leidet, sie nennt es Gottdemenz. Damit gehen aber auch andere, ziemlich wunderliche und seltsame Verhaltensweisen einher, die dazu führen, dass Elke sich selbst immer fremder wird. Das bemerkt auch ihr Partner Jan, der zunächst versucht verständnisvoll zu sein und mit der für ihn so typischen Gelassenheit und Ruhe reagiert. Als Elke einen verwaisten Papagei bei sich aufnimmt, eine tote Maus in einer Schachtel aufhebt und sich einer Steilwandfahrer*innentruppe anschließt, da wird es irgendwann auch für Jan zu viel. 

Durch die Veränderungen sieht sich Elke gezwungen, sich mit einem bisher gut verdrängten Familienthema auseinanderzusetzen und reist in ihre Heimat, zu ihren Eltern. Schnell geht es um mehr, als den verlorenen Glauben.

Tamar Noort ist ein sehr tiefsinniger und zugleich humorvoller Roman gelungen, über das Leben und seinen Sinn, über Verlust, Vergangenheit und Familie. An keiner Stelle kitschig oder gottesfürchtig, sondern menschlich und warm, mit liebenswerten Figuren. Mir hat besonders gut gefallen, dass immer wieder unkonventionelle Charaktere auftauchen und skurrile Situationen entstehen, die den Roman bereichern. 

Gelesen wird das Hörbuch von einer meiner Lieblingssprecherinnen, Luise Helm - ich höre ihr einfach gerne zu. 

 

Inhalt:

"Elke ist eine junge Pastorin, die als Seelsorgerin in Köln arbeitet. Sie hat einen atheistischen Freund mit den wunderschönsten Locken der Welt. Als Elke eines Tages einer alten Dame am Sterbebett das Vaterunser sprechen soll, kommt ihr kein Wort über die Lippen. Sie hat den Text vergessen, und zwar nicht nur dieses Gebets, sondern sämtlicher Gebete. Für eine Pastorin eine Katastrophe. Ist das Gottdemenz? 

Elke beschließt, in die norddeutsche Provinz zu fahren, an den Ort, wo sie aufgewachsen ist. Doch auch nach all den Jahren fühlt es sich seltsam an, mit ihren Eltern am Esstisch zu sitzen, wenn der vierte Platz leer bleibt. Sie ahnt, wo sie beginnen muss, nach den verlorengegangenen Worten zu suchen."

Quelle: https://www.argon-verlag.de/hoerbuch/noort-die-ewigkeit-ist-ein-guter-ort-9783839819890/ 

 

Über das Hörbuch:

ISBN: 978-3-8398-1989-0
Laufzeit: 8 Stunden 26 Minuten
Veröffentlicht: 27.07.2022 
Verlag: Argon Verlag


Freitag, 24. Juni 2022

Kristina Pfister - Ein unendlich kurzer Sommer

Warum es sich zu lesen oder zu hören lohnt:

 

Eine kurzweilige Sommergeschichte, leicht und angenehm zu lesen. Mal witzig, mal melancholisch und immer unterhaltsam. Den Sommer kann man auf dem Campingplatz irgendwo in Deutschland auf jeder Seite schmecken, riechen und fühlen. Dort kommen vier sehr unterschiedliche Charaktere zusammen, die auf der Suche nach Antworten sind. 

 

Lale braucht eine Auszeit nach dem Tod ihres Bruders und flieht von der Stadt aufs Land, um dem alten, grantigen Campingplatzbesitzer Gustav ein wenig beim Reparieren von Wasserhähnen und Streichen von alten Holzdielen zur Hand zu gehen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine besondere Beziehung. Gustav hat nur noch wenige Monate zu leben und sinniert über verpasste Chancen und blickt auf sein Leben zurück. Schließlich taucht Chris auf, er ist auf der Suche nach seinem leiblichen Vater. Und dann gibt es da noch James, Gustavs besten Freund aus jungen Jahren, der mit seinen Herzensumarmungen viel Liebe und Trost spendet. 

 

Die Geschichten der vier Personen sind miteinander verwoben. Es handelt sich nicht um anspruchsvolle Literatur, sondern um eine schöne Sommergeschichte. Die Stimme von Vanida Karun fand ich angenehm und passend. Ein wunderbares Buch oder Hörbuch für den Urlaub.

 

 

Inhalt:

"Wo soll man eigentlich hin, wenn man vor sich selbst davonläuft? In irgendeinen Zug einsteigen und bis zur Endstation fahren? So jedenfalls landet Lale auf dem heruntergekommenen Campingplatz an diesem See, der fast zu schön ist. Sie hilft dem alten, grantigen Besitzer Gustav beim Renovieren der maroden Bäder, füttert die flauschigen Kaninchen, trägt jeden Tag die gleiche, alte Latzhose und schweigt.
Bis Christophe diese vermeintliche Ruhe durcheinanderbringt. Christophe mit den dunklen Augen, angereist vom anderen Ende der Welt, auf der Suche nach seinen Wurzeln. Christophe, der zu spüren scheint, was Lale fühlt.
Gemeinsam erleben sie den einen Sommer, der bleibt: Flirrende Hitze, glitzerndes Wasser, gemeinsame Floßfahrten, ausgeblichenes Haar.
Ein unendlich kurzer Sommer von Kristina Pfister – ein Roman über zweite und dritte Chancen, über das Ankommen, Loslassen und Neubeginnen."

Quelle:  https://www.argon-verlag.de/hoerbuch/pfister-ein-unendlich-kurzer-sommer-9783732458455/

 

Über das Hörbuch:

 
Download, Streaming,
24,95 € (UVP)
ISBN: 978-3-7324-5845-5
Laufzeit: 12 Stunden 9 Minuten
Veröffentlicht: 25.05.2022 
Verlag: Argon Hörbuch Verlag 

 




Sonntag, 3. April 2022

Gisa Klönne - Für diesen Sommer

 

Warum es sich zu hören lohnt:

 

Gelegentlich höre ich auch Hörbücher, vor allem spät am Abend, wenn meine Augen müde sind, aber mein Kopf noch unterhalten werden will. Schon als Kind liess ich mich gerne von Hörgeschichten in den Schlaf begleiten und mochte das Gefühl im Dunkeln einer Stimme zu lauschen, die mir eine Geschichte erzählt.
 
Diese Geschichte handelt von Franziska, die nach Jahrzehnten in ihre Heimat und das Haus ihrer Kindheit zurückkehrt,  um sich um ihren Vater zu kümmern. Dort kommen viele unbearbeitete Konflikte und Fragen aus der Vergangenheit an die Oberfläche, denen sich Franziska, die Zeit ihres Lebens davongelaufen ist, wenn es emotional brenzlig wurde, nun stellen möchte.
 
Wir erfahren durch Rückblicke viel über die Geschichte der Familie, die Eltern haben beide den Krieg miterlebt und wurden von den Erfahrungen geprägt. Franziska war von klein an eine  Rebellin, sie hat sich nie verstanden und zugehörig gefühlt in ihrer Familie, weswegen sie ihr und der Heimat früh den Rücken kehrte. Ganz anders ihre Schwester Monika, die sich immer verantwortlich gefühlt hat und die perfekte Tochter gewesen ist. Nun hat Monika einen Burnout und Franziskas Lebensentwurf ist gescheitert. Auch Heinrich, der Vater, muss sich auf eine neue Situation einstellen, weil ihn langsam seine Kräfte verlassen und er sich mit dem Gedanken abfinden muss, dass sein Leben sich dem Ende neigt und er allein im Haus nicht mehr zurecht kommt.

Gisa Klönne gelingt es, auf eine sehr beeindruckende Weise, eine Familiengeschichte zu erzählen, in der man zunehmend mehr nachvollziehen kann, warum jedes einzelne Mitglied so wurde, wie es ist. Auf behutsame Weise beschreibt die Autorin die Gedanken von Franziska und ihrem Vater, es geht um verpasste Chancen, leise Annäherungen und den langen Weg einer Versöhnung.

Dieser Roman hat mich tief berührt und manchmal auch nachdenklich gestimmt. Den Stimmen von Nina Petri und Wolf-Dietrich Sprenger habe ich gerne zugehört. Das Cover wirkt so leicht und locker, aber der Inhalt hat es in sich. Klare Hör- oder Leseempfehlung für diese Familiengeschichte.


Inhalt:

"Kann aus gemeinsamen Erinnerungen etwas Neues entstehen?
Mit Mitte 50 kommt Franziska noch einmal in ihr Elternhaus zurück, um sich um ihren verwitweten Vater zu kümmern. Seit ihrer Jugend, seit sie sich dem Naturschutz verschrieben hat, war das Verhältnis zu ihm, dem technikgläubigen Ingenieur, schwierig und ihre Besuche im Elternhaus selten. Auch in Franziskas Leben sind viele Ideale zerbrochen, selbst beim Yoga findet sie keinen Frieden mehr. Widerstrebend lassen sich also Vater und Tochter aufeinander ein. Er kann nicht mehr laufen und ein Umbau des Hauses ist unumgänglich, auch wenn er davon nichts wissen möchte. Mit jedem gemeinsamen Tag erwachen nicht nur die alten Konflikte, sondern auch die Erinnerungen an das Glück, das sie einmal teilten: Bei den gemeinsamen Waldläufen, beim Baden am See und in jenen schier endlosen Sommernächten im Garten, wo sie den Leuchtkäfern zusahen. Während ein langer, heißer Sommer seinen Lauf nimmt, lernen Franziska und Heinrich, mit ihrer Vergangenheit und miteinander Frieden zu schließen."

Quelle: https://www.argon-verlag.de/hoerbuch/kloenne-fuer-diesen-sommer-9783839819609/

 

Über das Hörbuch:

 

Gelesen von Nina Petri, Wolf-Dietrich Sprenger
24,95 € 
ISBN: 978-3-7324-1960-9
Laufzeit: 15 Stunden 27 Minuten
Veröffentlicht: 08.03.2022 
Argon Verlag  

 



Sonntag, 6. Juni 2021

Anika Landsteiner - So wie du mich kennst


 

Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Die Schwestern Karla und Marie sind sehr eng miteinander verbunden. Nach der gemeinsamen, behüteten Kindheit auf dem Land in Unterfranken, verschlägt es Marie nach New York, wo sie als erfolgreiche Fotografin arbeitet. Karla bleibt der Heimat treu und arbeitet bei der Regionalzeitung als Journalistin.
 
Obschon sie fortan weit voneinander weg wohnen, nehmen sie am Leben der anderen teil und sind sich weiterhin sehr nah. Bis eines Tages das Telefon klingelt und die schreckliche Nachricht überbringt, dass Marie tot ist. Die Familie ist am Boden zerstört. Maries Eltern und ihre Schwester entwickeln ihre ganz eigene, individuelle Art mit der Trauer umzugehen. Die Mutter putzt, der Vater reflektiert seine Beziehung zu Marie und Karla reist nach New York, um auf den Spuren ihrer Schwester Abschied zu nehmen. Hier muss sie die Erfahrung machen, dass sie nicht alles von ihrer Schwester gewusst hat. Sie taucht ein in ihr Leben, trifft sich mit ihren Freunden, schläft mit dem selben Mann, wohnt in ihrer Wohnung und entdeckt dabei ein Geheimnis.

Abwechselnd wird die Geschichte aus Maries und Karlas Perspektive erzählt und Stück für Stück erhält man Einblicke in ihre Leben und erfährt auch, was es mit dem Geheimnis auf sich hat. Die Autorin springt nicht nur zwischen den Perspektiven hin und her, sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, das macht das Buch sehr abwechslungsreich und spannend, ich konnte es nicht aus der Hand legen.

Obschon es um Gewalt in Beziehungen, Tod und Trauer geht, empfand ich das Buch nicht als belastend, da die Gewalt nie ausführlich geschildert wird, sondern sehr subtile Formulierungen verwendet werden. Es geht um die Verarbeitung von Gewalterfahrung, die Schuldgefühle und die Unfähigkeit darüber zu sprechen, was passiert ist. 
 
Durch das Buch zieht sich wie ein roter Faden die Frage, was man wirklich über die Menschen weiß, die einem am nächsten sind. Die Frage hat auch mich nachdenklich gestimmt. Fazit: Unbedingt lesen!

Inhalt:

"»Was weiß ich wirklich über die, die ich am meisten liebe?«

Karlas Leben ist stehengeblieben. Sie trägt eine Urne nach Hause, darin die Asche ihrer Schwester Marie. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Marie war Karlas Seelenverwandte, ihr Kompass in diesem Chaos, das sich Leben nennt. Und während sich dieses Chaos um sie herum einfach weiterdreht, reist Karla nach New York, um dort die Wohnung ihrer Schwester aufzulösen. Als sie Fotos findet, die so verstörend wie alltäglich sind, fragt sie sich, wie gut sie Marie wirklich kannte. Die Schwester, die so ganz anders lebte als sie. Die erfolgreich und selbstbewusst war. Was Karla auf den Bildern sieht, verändert ihren Blick auf Marie, ihren Blick auf sich selbst und auf das ganze Leben vor ihr.

Anika Landsteiner erzählt eindringlich, bewegend und aufrüttelnd von Frauen wie uns. Von Menschen wie dir und mir. Ein Buch, das im Kopf bleibt."

Quelle: https://www.fischerverlage.de/buch/anika-landsteiner-so-wie-du-mich-kennst-9783810530745


Über das Buch:


Verlag: FISCHER Krüger
Erscheinungstermin: 28.04.2021
352 Seiten
ISBN: 978-3-8105-3074-5
16,99 €


Sonntag, 7. März 2021

Benedict Wells - Hard Land

 

Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Der 15-jährige Sam erzählt uns vom Sommer 1985, jenem Sommer in dem er sich das erste Mal verliebte und seine Mutter starb. Diese beiden Erfahrungen und die damit verbundenen großen Gefühle prägen Sam und lassen ihn erwachsen werden und es ist wunderbar, ihn dabei begleiten zu dürfen. 

Sam ist ein Outsider und tut sich schwer mit Kontakt zu Gleichaltrigen. Außerdem macht er sich Sorgen um seine Mutter, die unheilbar krank ist. Als er schließlich in den Ferien einen Aushilfsjob in einem Kino annimmt, lernt er Kirstie, Hightower und Cameron kennen und plötzlich ändert sich alles für ihn. Er verliebt sich Hals über Kopf in Kirstie und er darf endlich die Erfahrung machen, Teil einer Clique zu sein. Auf einmal gibt es in seinem Leben Mutproben, Räusche, lange nächtliche Gespräche, Parties, selbstgeschriebene Songs und seitenweise Tagebucheinträge, die von seiner Liebe zu Kirstie handeln. Der Autor findet immer wieder eindrucksvolle Worte, um die Gefühlswelt von Sam und seine Gedanken zu beschreiben:
"Ich stellte mir vor, dass das eigene Ich aus vielen Puppen bestand, aus mutigen und ängstlichen und stillen und lauten, und überall hingen Fäden. Doch man konnte nie sehen, wer sie in der Hand hielt. Wer der innere Puppenspieler war."

Bei all den Höhenflügen, die Sam durch das lang ersehnte Gefühl der Zugehörigkeit hat, muss er aber auch einen tragischen Verlust verkraften, den Tod seiner Mutter. Auch hier findet Benedict Wells wunderbare Worte:

"Ich dachte nur noch von Tag  zu Tag, und allmählich begriff ich, Trauer ist kein Sprint, Trauer ist ein Marathon. Und auf dieser Strecke gab es Stellen, an denen es besser lief, und andere, an denen ich kaum Luft bekam."

Bei der Beerdigung seiner Mutter muss Sam, wie so oft in diesem Sommer, seinen Mut beweisen. Dieses Mal geht es um die Gestaltung der Beerdigung, so wie sie seine Mutter gewollt hätte. Seine Aktion an diesem Tag bringt ihn schließlich auch seinem Vater und seiner Schwester ein Stück näher, zu denen er bisher keinen so guten Draht hatte.

Der Autor schreibt, trotz der großen Emotionen, mit viel Humor, seine Charaktere habe ich schnell ins Herz geschlossen. Manche von ihnen meint man aus der eigenen Schulzeit zu kennen: Die geheimnisvolle, sprunghafte Kirstie, den sportliche Hightower oder Cameron, dessen Eltern stinkreich sind - schnell hatte ich ein Bild von ihnen vor Augen. 
 
Die Musik der 80er, ganz besonders Bruce Springsteen und Billy Idol, spielt eine große Rolle im Roman und macht Lust auf den Soundtrack, den es übrigens bei Spotify zu hören gibt. Die erwähnten Filme und die Musik machen das Buch sehr lebendig. Immer wieder nimmt der Autor Bezug auf eine Schullektüre mit dem Titel "Hard Land". Alle Schüler der Kleinstadt müssen sie lesen und interpretieren und aus ihr stammt der grandiose Satz: 
"Kind sein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsenwerden ist, wenn er wieder herunterfällt."
Und wieder sind es Sams Betrachtungen zu diesem Satz, die mein Herz berühren:
"Denn mir wurde bewusst, dass mein Ball schon längst wieder herunterfiel, und ich frage mich, ob ich ihn zuvor, speziell im letzten Sommer, wirklich hoch genug geworfen hatte."
Ein Coming-of-Age-Roman, der mich begeistert hat und der dem Hype, der bereits vor seiner Veröffentlichung stattgefunden hat, voll und ganz gerecht wird.

 

Inhalt:

"Missouri, 1985: Um vor den Problemen zu Hause zu fliehen, nimmt der fünfzehnjährige Sam einen Ferienjob in einem alten Kino an. Und einen magischen Sommer lang ist alles auf den Kopf gestellt. Er findet Freunde, verliebt sich und entdeckt die Geheimnisse seiner Heimatstadt. Zum ersten Mal ist er kein unscheinbarer Außenseiter mehr. Bis etwas passiert, das ihn zwingt, erwachsen zu werden. Eine Hommage an 80’s Coming-of-Age-Filme wie ›The Breakfast Club‹ und ›Stand By Me‹ – die Geschichte eines Sommers, den man nie mehr vergisst."

Quelle: https://www.diogenes.ch/leser/titel/benedict-wells/hard-land-9783257071481.html

 

Über das Buch:

Hardcover Leinen
352 Seiten
Erscheinugsdatum: 24. Februar 2021
Verlag: Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-07148-1
€ (D) 24.00


Sonntag, 31. Januar 2021

Kristina Hauff - Unter Wasser Nacht


Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Es gibt Bücher, die packen mich so sehr, dass ich weiterlese, obschon ich schlafen sollte. Bücher, die ich in jeder freien Minute aufschlage, um weiterzulesen. Ich liebe das und freue mich jedes Mal wieder, wenn mir ein solches Buch in die Hände fällt. Bei "Unter Wasser Nacht" war es mal wieder soweit.

Sophie und Thies haben ihren Sohn Aaron verloren und sind vor Trauer wie gelähmt. Inga und Bodo wohnen nebenan und waren einst ihre besten Freunde. Sie haben drei Kinder und leben ein scheinbar perfektes Familienleben. Auch sie sind seit Aarons Tod mit der Situation überfordert und wissen nicht, wie sie mit ihren schicksalsgebeutelten Freunden am besten umgehen sollen. Die ganze Situation ist von großer Unsicherheit bei allen Beteiligten geprägt und wirkt sehr verfahren. Eines Tages brechen die Strukturen jedoch auf und es kommt Dynamik in die beiden Familien. 

Die Natur des Wendland ist bilderreich beschrieben, der Fluss spielt eine große Rolle, nicht nur weil Aaron in ihm ertrunken ist. Auch machen die Leser*innen einen kleinen Ausflug nach Christiania, eine alternative Wohnsiedlung in Kopenhagen. Dieser Teil des Buches hat mich auch sehr fasziniert.

Die Autorin beschreibt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, das spricht mich generell bei Büchern an, weil ich der Meinung bin, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, sondern viele verschiedene. Ihre Charaktere beschreibt Kristina Hauff authentisch und vielschichtig. Es baut sich eine sehr leise Spannung auf, die mich von der ersten Seite an nicht mehr losgelassen hat. Es geht um Familiengeheimnisse, Freundschaft, den Umgang mit Trauer und die Suche nach einem Neubeginn. Unbedingt lesen!


Inhalt:

"Wie lebt man weiter nach einem großen, unerklärlichen Verlust? Mit psychologischem Gespür erzählt Kristina Hauff eine Geschichte voller Hoffnung und Trauer und vom Wert der Freundschaft

In den idyllischen Elbauen im Wendland teilen zwei Paare Hof, Scheune und Kräutergarten - doch ihre einst enge Freundschaft ist zerbrochen. Thies und Sophie trauern um ihren Sohn Aaron, der unter ungeklärten Umständen ertrank. Allein mit ihren Schuldgefühlen müssen sie Tag für Tag Ingas und Bodos scheinbar perfektes Familienglück mit ansehen. Bis ein Jahr nach Aarons Tod eine Fremde in den Ort kommt und ans Licht bringt, was die vier Freunde lieber verschwiegen hätten.

Quelle: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/unter-wasser-nacht/978-3-446-26945-3/

 

Über das Buch:

 

Erscheinungsdatum: 15.02.2021
288 Seiten
Verlag: hanserblau
Fester Einband
ISBN 978-3-446-26945-3
20,00 €


Sonntag, 6. Oktober 2019

Elli H. Radinger – Die Weisheit Alter Hunde



Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Wenn man sich einen quirligen, aufgeweckten Welpen ins Haus holt, weiß man, dass man sich sehr wahrscheinlich eines Tages von diesem geliebten Tier verabschieden muss, weil es sterben wird. Man ahnt, wie schrecklich schwer das werden wird und fürchtet diesen Tag, aber verdrängt den Gedanken daran und geniesst die gemeinsame Zeit. Das ist auch gut so. Je älter der  Hund jedoch wird, je mehr kommt die Gewissheit, dass der Tag des Abschieds näher rückt.

Meine Hündin war 13,5 Jahre bei mir. Ich habe so viel mit ihr erlebt und bin dankbar, um jeden einzelnen Tag mit ihr. Dankbar, sie durch alle Lebensphasen begleitet zu haben. In ihrer letzten Lebensmonaten hat mir eine Freundin dieses Buch geschenkt und mir damit eine riesige Freude gemacht und mich manche Dinge anders sehen lassen.
"Unsere vierbeinigen Gefährten in ihren letzten Wochen und Tagen begleiten zu können, ist eine besondere Gnade und ein großes Geschenk, das wir dankbar annehmen sollten. Es ist ein erfüllendes Erlebnis und eine tief greifende Erfahrung. Und so schmerzhaft dieser Prozess auch ist, wir wachsen daran."
Das Buch zeigt auf wunderschöne Weise, dass es zwar traurig ist, wenn man mitbekommt, wie der geliebte Hund schwächer und kränker wird, aber es auch etwas sehr Schönes ist, wenn man in dieser Phase an seiner Seite sein kann. Wir können so viel lernen von unseren Hunden, wenn sie alt sind, zum Beispiel Geduld und Gelassenheit:
"Wir, die mit einem alten Hund leben, lernen, den eigenen rasanten Lebensrhythmus seiner langsamen Gangart unterzuordnen. Dass wir Geduld brauchen, wird uns immer dann bewusst, wenn wir im Begriff sind, sie zu verlieren."
Dieses Buch hat mich darin unterstützt mich auf die Bedürfnisse meiner Hündin in ihrer letzten Lebensphase einzulassen. Ihr ganzes Leben, hat sie sich an mein Leben angepasst. Und jetzt war ich dran, mich an ihres anzupassen. Immer öfter habe ich sie entscheiden lassen, wo und wie lange sie spazieren gehen möchte, wann sie Fressen mag und wo sie am liebsten schlafen möchte. In dieser Phase habe ich so unendlich viel von ihr gelernt und gespürt, wie gut wir uns in all den Jahren kennen gelernt haben. Das Buch widmet sich auch dem Thema Tod und die Worte, die ich darin gelesen habe, haben mir sehr geholfen, meine Hündin schließlich gehen zu lassen.

Für alle Hundehalter*innen, deren Hunde alt sind, ist dieses Buch eine echte Bereicherung.


Inhalt:

"Hunde sind großartig – egal in welchem Alter! Das Leben mit einem alten Hund und die Begleitung in seinen letzten Jahren öffnen unsere Augen und unser Herz. Alte Hunde können uns viel beibringen: Nimm jeden Tag als Geschenk; bereue nichts; kümmere dich um dein Rudel; erkenne, was wirklich zählt; nimm hin, was nicht zu ändern ist; vergib, solange du lebst; du bist nie zu alt für neue Tricks; das Alter ist eine Frage der Einstellung – und vieles mehr. Elli H. Radinger, Wolfs- und Hundeexpertin, erzählt spannende Geschichten, die exemplarisch stehen für Vertrauen, Geduld, Achtsamkeit, Dankbarkeit, Intuition, Liebe, Vergebung und Witz, aber auch für den Umgang mit Trauer und Verlust. Ein warmherziges und verblüffendes Kompliment an den besten Freund des Menschen."
Quelle: https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Weisheit-alter-Hunde/Elli-H-Radinger/Ludwig/e539575.rhd 


Über das Buch:

 

Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
24 S. Farbbildteil
ISBN: 978-3-453-28108-0
Erschienen am  01. Oktober 2018
Verlag: Ludwig Verlag
€ 22,00 [D]

 



Montag, 26. August 2019

Franz Xaver Karl - Fünf Tage im Juli

 

 

 

Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Familien haben eine ganz eigene Dynamik. Ich stelle bei mir selbst immer wieder fest, wie ich im Umfeld meiner Familie in alte Rollen zurückfalle, von denen ich eigentlich dachte, dass ich sie längst hinter mir gelassen habe. Die Liebe, die mich zu meiner Familie verbindet, ist einzigartig und wundervoll, aber sie ist auch manchmal kompliziert. Erinnerungen und Gefühle aus der Kindheit spielen in die Gegenwart hinein, ob wir wollen oder nicht. Dieses Buch habe ich (wie passend) auf der Hin- und Rückfahrt zu einem Familienfest gelesen, vielleicht ist es mir deswegen ganz besonders nah gegangen.

Theo und Martha sind verheiratet und haben 3 erwachsene Kinder. Ruth, die mit ihrem Leben und ihrem Ehemann unzufrieden ist und versucht den Freund ihrer Tochter zu verführen.  Marie, die sich nach einer wilden, exzessiven Jugend schließlich als Künstlerin durchs Leben schlägt. Und Florian, der es in den Augen seiner Eltern zu nichts gebracht hat, er arbeitet als freier Mitarbeiter beim Rundfunk und hat nicht einmal ein richtiges Auto. Martha, Theos Frau, liebt ihren Garten und die Pflanzen, die darin gedeihen. Ihren Kindern und ihrem Mann gegenüber zeigt sie wenig Liebe und Fürsorge.

"Martha besaß die Fähigkeit und die Macht, ihre Kinder mit einem einzigen Satz zum Kochen zu bringen. Hilflose Wut über ungerecht empfundene Urteile - das kannten sie seit frühester Jugend. Frisuren, Kleider, Freunde, Berufe. Nichts konnte vor dem Urteil von Martha bestehen."

Theo liegt im Sterben und der Roman beschreibt die letzten 5 Tage seines Lebens. Die ganze Familie ist mit der Situation überfordert. Auch Theo selbst würde am liebsten einen Ausweg finden vor dem nahenden Tod. Martha kümmert sich noch mehr um ihre Pflanzen. Ruth versucht ihrem Vater auf dem Totenbett Geld abzuschwatzen und Marie sucht ihn, als er plötzlich noch einmal das Auto aus der Garage holt und davonfährt. Florian macht sich viele Gedanken über den bevorstehen Tod seines Vaters:

"Wenn sein Vater weg war, das wußte er, würde er zum ersten Mal wirklich erwachsen sein müssen. Vielleicht hatte er davor Angst. Niemand würde mehr für ihn einspringen, wenn etwas krumm liefe."

Dem Autor gelingt es, jede Figur so zu beleuchten, dass man ihr Verhalten und ihre Sicht auf das Leben nachvollziehen kann. Durch Rückblicke beschreibt er auch die Vergangenheit der Familienmitglieder, dadurch erhält man einen Einblick in die Kindheit von Ruth, Marie und Florian und erfährt, wie Martha und Theo ein Paar wurden. 

Der Roman läuft auf den Tod von Theo zu. Die Kinder kommen nach Hause, um bei ihm zu sein und die Fäden laufen an dieser Stelle zusammen. Die Familie ist versammelt und muss dem Thema Tod in die Augen sehen. Vieles haben sie in dieser Familie unter den Teppich gekehrt, der Tod lässt sich jedoch nicht unter den Teppich kehren.

Ein ganz toller und emotionaler Roman, der mir auch sprachlich sehr gut gefallen hat.


Inhalt:


"Mit realistischer Härte und in einer genauen und poetischen Sprache erzählt Franz Xaver Karl fünf entscheidende Tage aus dem Leben einer Familie. Über drei Generationen hinweg entfaltet sich ein Panorama voller unausgesprochener Sehnsüchte und verworfener Träume. Der Vater liegt im Sterben, und die Familienmitglieder sind konfrontiert mit ihren Hoffnungen und Verletzungen, ihren Prägungen und Erinnerungen, schließlich mit dem, was Liebe und Tod bedeuten. Dabei wird spürbar, wie fremd die Beteiligten einander sind. Sie zeigen sich in ihrer Verlorenheit und Absonderlichkeit, in ihrer Bösartigkeit und tiefen Verunsicherung während der Vater überlegt, wie er dem Tod noch entkommen könnte."
Quelle: Klappentext des Buches


Über das Buch:


Roman
256 Seiten, gebunden
Blumenbar, München 2007
ISBN 978-3-936738-29-2

Das Buch ist derzeit leider nicht lieferbar, man kann lediglich versuchen ein gebrauchtes Exemplar zu erstehen. Bei der Münchner Stadtbibliothek kann man es ausleihen.

Sonntag, 14. April 2019

Tom Malmquist - In jedem Augenblick unseres Lebens

 

Warum es sich zu lesen lohnt:


Tom Malmquist hat einen Roman mit stark autobiographischen Zügen geschrieben, der definitiv keine leichte Kost ist.

Das Buch beginnt damit, dass seine Frau Karin, die ein Kind von ihm erwartet, ins Krankenhaus eingeliefert wird, wo sich ihre Grippesymptome als akute Leukämie entpuppen. Der Autor beschreibt die Situation im Krankenhaus, seine Gespräche mit den Ärzten und Karins Eltern. Sein Schreibstil ist, passend zur Situation, sehr nüchtern. Es ist für mich völlig nachvollziehbar, dass man in so einer Zeit einfach funktioniert und seine Emotionen im Zaum halten muss. Seine Frau stirbt, das Kind überlebt. Plötzlich ist dieser Mann, der seine Partnerin verloren hat, ein alleinerziehender Vater mit einem Neugeborenen.

Tom Malmqvist schildert, wie man nach einem Trauma weiterleben kann, er wird dabei nie selbstmitleidig. Sein Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig, es gibt keine Kapitel in diesem Buch und er berichtet von Gesprächen im Erzählstil und nutzt darum auch keine Anführungszeichen. Auch springt er zwischen verschiedenen Zeiten hin und her. Die Leser*innen erfahren etwas über die Anfänge der Beziehung zwischen Karin und Tom. Auch beschreibt der Autor sein Verhältnis zu seinen Eltern und Schwiegereltern. Ich musste mich ein wenig einlesen, kam aber dann mit dem Schreibstil sehr gut zurecht.

Das Buch wirkt eher, wie die Aufzeichnungen eines Mannes, der durch eine traumatische Krise hindurch geht. Das macht es zwar bisweilen mühsam zu lesen, aber auf der anderen Seite auch lesenswert.


Inhalt:


"Tom und Karin erwarten ihr erstes Kind, als Karin plötzlich schwer erkrankt und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Das Baby wird per Kaiserschnitt gerettet, während Tom wie in einem Albtraum in den unterirdischen Gängen des Krankenhauses umherirrt. Zwischen Intensivstation und Säuglingsstation, zwischen Leben und Tod. Als er nach Hause zurückkehrt, hat er Karin verloren und ist allein mit einem Neugeborenen. Um sich seiner Trauer zu stellen und seiner Tochter ein Vater zu sein, beginnt er ein Buch zu schreiben."

Quelle: https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/In_jedem_Augenblick_unseres_Lebens/80002

 

Über das Buch:


Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek (Orig.: I varje ögonblick är vi fortfarande vid liv)
1. Aufl. 2017
301 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98312-8 
Verlag: Klett-Cotta
20,00 €

Und hier könnt Ihr das Buch direkt bestellen:

 

...und unterstützt damit eine kleine, feine Buchhandlung in München: Buch in der Au. 




Freitag, 23. November 2018

Tim Parks - In Extremis






Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Thomas Sanders, 57 Jahre alt, geschieden und mit einer fast 30 Jahre jüngeren Frau zusammen, ist der Protagonist des Buches. Wir dürfen ihn in seinem Leben ein paar Tage begleiten. Es sind jene Tage, an denen seine Mutter im Sterben liegt.

Zu Beginn wird gleich der skurrile Aspekt des Buches deutlich, denn Thomas befindet sich auf einem Kongress zum Thema "Heilung von Beckenbodenschwäche bei Männern mittels eines Analmassagestabs", als ihn die sms seiner Schwester erreicht, dass er nach England kommen müsse, weil seine Mutter im Sterben läge. Herrlich komisch erzählt Thomas, wie er auf der Konferenz von seiner Heilung spricht und schließlich sogar eine Behandlung mit dem Zauberstab bekommt, die jedoch zu einer Verschlimmerung seiner Schmerzen führt.

Doch das Buch ist nicht nur skurril, es zeigt auch die Gedanken und Gefühle eines Mannes Ende 50, der sich von seiner Mutter verabschieden muss. Thomas kommt aus einem sehr gläubigen Elternhaus, der Vater war Pastor, die Mutter zutiefst gläubig. Thomas hat sehr ambivalente Gefühle zu ihr:

"Die Wahrheit ist, wenn ich meine Mutter besuchte, war ich mir nie ganz sicher, ob ich meine Mutter tatsächlich besuchen wollte, oder lieber nicht. Meine Mutter zu besuchen führte zu allergrößter Verwirrtheit hinsichtlich der Frage, wer ich eigentlich bin. Ich wollte sie besuchen und nicht besuchen, beides gleichzeitig."
"Zwischen mir und meiner Mutter gab es eine gewisse magische Kraft, die dafür sorgte, das vieles ungesagt blieb."

Thomas beschäftigt der Gedanke, ob er er seiner sterbenden Mutter noch sagen soll, dass er sich längst von seiner Frau getrennt hat und nun mit einer viel jüngeren Frau zusammenlebt. Und immer wieder werden seine Gedankengänge durchbrochen vom vibrierenden Handy, es melden sich Freunde, die einen Rat wollen, seine Freundin, die ihn vermisst und wissen will, wie es ihm geht. Durch diese sehr realistische Beschreibung, spürt man die Überforderung von Thomas. Außerdem bekommt der/die Leser*in zunehmend mehr Informationen über Thomas Leben und seine Kindheit, das führte bei mir zu viel Nachsicht mit seinem, zum Teil etwas merkwürdigen, Verhalten.

Schließlich, nach vielem hin und her kommt die Familie am Totenbett der Mutter zusammen und der Autor zeigt spätestens hier, dass sein Buch auch eine sehr emotionale Seite berührt:

"Und so waren wir fast zwei Stunden lang auf das Sterben von Martha Sanders konzentriert. Ich kann mich nicht erinnern, jemals mit anderen Menschen, schon gar nicht mit Verwandten, so still und konzentriert zusammen gewesen zu sein, verzückt vom Phänomen ablebender Atemzüge. Und jetzt schien tatsächlich eine Schönheit im Raum zu sein; nicht Mutter, nicht wir, sondern diese gemeinsame Dämmerung der Lebenden und der Sterbenden, diese langen Pausen zwischen einem Atemzug und dem nächsten. Die langen Phasen der Stille."

Für mich war dieses Buch wegen seiner Vielseitigkeit absolut lesenswert. Obschon diese wenigen Tage im Leben von Thomas Sanders auf über 400 Seiten beschrieben sind, hat mich das Buch keine Sekunde gelangweilt, sondern glänzend unterhalten, emotional berührt und herzhaft lachen lassen.


Inhalt:


"In Extremis ist ein existenzieller Roman und gleichzeitig einer der lustigsten, der über Tod und Familie geschrieben wurde.

Thomas weiß, dass es etwas gibt, was er seiner Mutter noch sagen muss, bevor sie stirbt. Aber wird er das rechtzeitig schaffen? Und wird er den Mut haben zu sagen, was er vorher nicht sagen konnte? Sein Telefon brummt, in seinem Kopf dreht sich alles und er kann sich nicht darauf konzentrieren, was gerade passiert und worauf es ankommt. Soll er versuchen, den Familienkonflikt zu lösen, in dem sich sein Freund gerade befindet? Sollte er die Trennung von seiner Frau nochmal überdenken? Warum ist er so ungeheuer verwirrt, ja geradezu paralysiert? In diesem überaus anregenden Roman erkundet Tim Parks, wie tief unsere Identität in unserer familiären Vergangenheit wurzelt. Können wir das jemals wirklich ändern?"

Quelle: https://www.kunstmann.de/buch/tim_parks-in_extremis-9783956142529/t-0/

Über das Buch:


432 Seiten
Euro 24,00 € (D)
erschienen im September 2018
Übersetzt von Ulrike Becker
ISBN 978-3-95614-252-9
Verlag: Anje Kunstmann

 




Sonntag, 30. April 2017

Thees Uhlmann - Sophia, der Tod und ich

 

Warum es sich zu lesen lohnt:

 

Ein Buch über den Tod. Ich habe dennoch viel gelacht.

Der Tod sieht aus wie ein Mensch und verhält sich bis auf ein paar Ausnahmen auch so. Eigentlich bleiben dem ziemlich depressiven Altenpfleger nur 3 Minuten mit dem Tod, aber dann ergibt es sich, dass die Beiden 2 Tage und Nächte zusammen verbringen. Eine makabere Reise voller herrlich skurriler Situationen beginnt. Der Tod lernt zu fluchen und der Altenpfleger begreift in diesen Tagen mehr über sein Leben als je zuvor.

"Und wenn glückliche Momente selten sind, erinnert man sich umso stärker an sie, dachte ich auf der Straße zwischen Sophia und dem Tod. Ich fragte mich, ob das nicht sogar besser war, als ewiges Glück." 
Er besucht seine Mutter und taucht noch einmal ein, in die kleinbürgerliche Welt, in der er aufgewachsen ist. An seiner Seite der Tod und seine Exfreundin Sophia, eine polnische Schönheit, mit der er von einem seiner Altenheimpatienten verkuppelt wurde.
"Sophia war mit einer Wucht in mein Leben getreten, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Sie war wie ein unvergessliches Fußballspiel, bei dem das Ergebnis egal war. Hauptsache, man war dabei gewesen."
Lesenswert ist das Buch für mich hauptsächlich wegen der  Dialoge zwischen Erzähler und  Tod - hier geht es um die großen Fragen, oft flapsig und humorvoll aber trotzdem philosophisch und manchmal tief berührend. Sprachlich großartig.

Inhalt:

"Der Tod gibt sich die Ehre und bringt Leben in die Bude
Im Debütroman des Musikers Thees Uhlmann geht es ums Ganze. Der Tod klingelt an der Tür. Aber statt den Erzähler ex und hopp ins Jenseits zu befördern, gibt es ein rasantes Nachspiel. Ein temporeicher, hochkomischer, berührender Roman über die wirklich wichtigen Fragen des Lebens.
Vor der Tür des Erzählers steht ein Mann, der ihm ähnlich sieht und behauptet, er sei der Tod und wolle ihn mitnehmen. Er habe noch ungefähr drei Minuten zu leben. Zwischen den beiden entspinnt sich eine absurd-witzige Diskussion, in der es um Kopf und Kragen, um die Insel Juist, den Lakritzgeschmack von Asphalt und das depressive Jobprofil des Todes geht. Zu seiner Verwunderung gelingt es dem Tod nicht, den Erzähler sterben zu lassen. Ein spektakulärer Roadtrip beginnt. Gemeinsam mit seiner Exfreundin Sophia und dem Tod macht sich der Erzähler auf den Weg zu seiner Mutter und zu seinem sieben Jahre alten Sohn, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, dem er aber Tag für Tag eine Postkarte schreibt.
Es geht auf eine Reise zwischen Himmel und Hölle – und um die Frage, ob es das alles überhaupt gibt. Eine Reise, die geprägt ist durch die Tollpatschigkeit, mit der sich der Tod durch die Welt der Lebenden bewegt, und Fragen wie: Muss der Tod pinkeln? Und wenn ja, wie macht er das? – Und die große Frage, was denn besser ist, »to burn out or to fade away«.
»Sophia, der Tod und ich« ist eine irrsinnig lustige, berührende Suada, druck- und kraftvoll in jeder Zeile. Man liest, lacht, zerfließt in Melancholie und birst vor Freude, dass man noch am Leben ist."

Quelle: http://www.kiwi-verlag.de/buch/sophia-der-tod-und-ich/978-3-462-04793-6/

Über das Buch: 

 

Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-04793-6
Erschienen am: 08.10.2015
320 Seiten, gebunden
Preis 18,99 €